Sonntag, 15. Mai 2016

Deutsches Korbmuseum, Michelau

Pfingstsonntag und Regen... Da mir bei solchem Wetter Ausflüge in die Natur nicht so großen Spaß machen, habe ich meine Mutter geschnappt und bin mit ihr los, eine entspannte Sonntagsausfahrt mit fränkischem Mittagstisch auf dem Weg und dann nach Michelau, ins Deutsche Korbmuseum. In einer Regenpause war danach noch ein kleiner Spaziergang drin.

Deutsches Korbmuseum Michelau

Michelau liegt etwas östlich von Lichtenfels und ist u.a. über die Autobahn 73 erreichbar. Man fährt an Ausfahrt 13 Lichtenfels ab auf die B173 in Richtung Lichtenfels/Kulmbach/Kronach. Von dort sind es noch 7 km, Michelau und das Deutsche Korbmuseum sind ausgeschildert.

Die Gemeinde Michelau liegt am Main und am Mainradweg. Am Museum gibt es auch einen Fahrradstellplatz. Parkplätze für Autos gibt es natürlich auch.

Deutsches Korbmuseum Michelau

Untergebracht ist das Museum im Wohn- und Geschäftshaus einer bedeutenden Michelauer Korbmacherfamilie: Der Nordflügel des Gebäudes wurde vom Korbmacher und Korbhändler Johann Georg Gagel errichtet, und zwar 1815. Die südlichen Anbauten (Kontor und Lagerräume) entstanden zwischen ca. 1850 und 1937. Das Gebäude zählt zu den ältesten Wohn- und Geschäftshäusern eines oberfränkischen Korbhändlers. Seit 1967 bereits beherbergt der Südflügel das Museum, 1990 kam der Rest des Gebäudes dazu. Die Gemeinde Michelau unterhält das Museum. Die Sammlungen werden vom Verein Deutsches Korbmuseum e.V. betreut.

Das Museum informiert über Michelau und den Anstieg und Niedergang der Korbmacherbranche. Daneben gibt es ausführliche Informationen zum Thema Korbflechten weltweit, alles mit vielen Exponaten und weiterführenden Informationen auf Schautafeln. Mit dem Thema hatte ich mich in der Vergangenheit nie sonderlich beschäftigt, daher fand ich es interessant, hier geballt eine Menge zu erfahren und zu lernen.

Deutsches Korbmuseum Michelau - Exponate

Michelau war früher ein Fischerdorf, bis sich im 18. Jahrhundert die Korbmacherei verbreitete. Schnell wurden die Produkte bis nach Holland verkauft (dabei hatte ich die gleiche Assoziation wie das Museum, wahrscheinlich nahmen die Flößer aus dem Frankenwald die Körbe mit; belegt scheint dies aber nicht zu sein), später auch nach Preußen und Russland und in den Rest der Welt. Um 1900 gab es in Michelau fast 900 Korbmacher.

Früher war Korbflechterei eher winterlicher Nebenerwerb für Kleinbauern, Fischer und Flößer. Ab ca. 1760 hat man angefangen, die Weidenruten vor dem Verarbeiten zu schälen, die sog. Weißkorbmacherei entstand. Ca. 1785 wurde dann die Feinkorbmacherei eingeführt, das war die Arbeit mit feinen Weidenschienen. Mit dieser Technik konnten immer aufwändigere Körbe, immer feinere Arbeiten, hergestellt werden. Die Flechtartikel vom Obermain wurden daher beliebt und ab 1780 außerhalb Frankens abgesetzt. In der Folge machten viele Familien die Korbmacherei zu ihrem Hauptberuf. Typisch deutsch, es gab auch bald eine Zunft, der 1795 bereits 110 Meister angehörten.

Deutsches Korbmuseum Michelau - Korbherstellung

Den Verkauf erledigten viele Korbmacher selbst, sie zogen auf Handelsreise und einige kamen um 1830 bereits mit ihren Körben bis nach Übersee. Allerdings entstand dann bald eine Trennung zwischen Korbflechterei und Handel. Lichtenfels mit seinem Eisenbahnknoten entwickelte sich ab ca. 1860 zum Zentrum des Korbhandels. Wie es oft so ist... die Korbhändler lebten meist in Wohlstand. Heute noch sind in der Region viele Villen von Händlern und Korbindustriellen erhalten.

Gezeigt wird auch, wie ein typischer Wohn- und Arbeitsraum eines Korbmachers ausgesehen haben könnte.

Deutsches Korbmuseum Michelau - typischer Wohn- und Arbeitsraum eines Korbmachers

Bei einer Gewerbezählung 1907 kamen auf 1000 gewerbetätige Personen 4 Korbmacher, 41.281 Personen verdienten damit ihr Geld, darunter 15.048 Arbeiter. Flechtzentren in Deutschland gab es viele, am meisten in Preußen, gefolgt von Bayern. Die Regionen Kronach, Lichtenfels und Coburg bildeten das Zentrum der Korbmacherei in Deutschland. Auf kleinem Raum zusammengedrängt gab es 1907 hier 3.189 Betriebe, in denen 7.066 Menschen beschäftigt waren, wobei diese offiziellen Zahlen wohl zu niedrig sind, Schätzungen gehen gut vom Doppelten zurück. Zwei Beschäftigte pro Betrieb, wenn man das umrechnet...

Während der Weltkriege wurden Transportkörbe für Granaten und Geschosse produziert.

Deutsches Korbmuseum Michelau - Transportkörbe für Granaten und Geschosse während der Weltkriege

Flechten hat auch bei Naturvölkern heute noch eine große Bedeutung, da das Material einfach gewonnen werden kann und man ohne Hilfsmittel nutzvolle Gegenstände herstellen kann. Nicht nur Körbe, sondern Fischreusen, Wände oder Uferbefestigungen für Flüsse entstehen aus geflochtenem Material. Bambus, Rattan, Palmblätter und Gräser sind in den Tropen verbreitet, während in unseren gemäßigten Zonen Weide das typische Flechtmaterial ist. Daneben verwendet man Holzspäne aus Fichte, Tanne, Pappel, Eiche und Haselnuss sowie Wurzeln oder auch Birkenrinde, z.B. in Skandinavien. Einige Räume zeigen Exponate aus aller Welt, da sind interessante Stücke dabei.

Deutsches Korbmuseum Michelau - Flechtkunst aus Sardinien

Es gibt auch viele Informationen über die industrielle Entwicklung hin zu Korbmöbeln oder Kinderwagen, die geflochten wurden. Beides Branchen, die in Oberfranken sehr bedeutsam waren und teilweise noch sind.

Ernst Albert Naether gilt als Begründer der deutschen Kinderwagenindustrie, wofür man auch geflochten hat. Einige Modelle sind ausgestellt, meine Mutter erinnerte sich lebhaft an ähnliche Kinderwägen aus ihrer Kindheit.

Deutsches Korbmuseum Michelau - geflochtener Kinderwagen

Viele Korbmöbelhersteller aus der Region sind ganz verschwunden oder haben sich zu Importeuren von Rattanmöbeln aus Indonesien gewandelt. Ich fand es interessant zu sehen, welche Variationen an Möbeln hier hergestellt wurden.

Deutsches Korbmuseum Michelau - Korbmöbel

Teils geht es über enge Treppen und in viele kleine Räume mit Schwellen, das Museum ist daher nicht behindertengerecht. Zwischendurch finden sich auch immer wieder Sessel, Stühle oder Sofas, auf denen man sich ausruhen kann. Das braucht man auch: Rund 2000 Ausstellungsstücke aus drei Jahrhunderten Korbmacherhandwerk sind zu sehen. Dafür braucht man einige Stunden und ist irgendwann angefüllt mit Informationen.

Im Sommerhalbjahr finden samstags sog. "lebende Werkstätten" statt, zudem gibt es regelmäßig Sonderausstellungen und Aktionen wie z.B. Kinderflechten. Im Museumsshop kann man Korbwaren kaufen, aus regionaler Produktion.

Eckdaten Deutsches Korbmuseum Michelau

  • Sommeröffnungszeiten von April bis Oktober: Dienstag bis Sonntag von 10.00 - 16.30 Uhr, 
  • Montag geschlossen, an Feiertagen (außer Karfreitag) ist geöffnet.
  • Letzter Einlass: 30 Minuten vor Museumsschließung.
  • Eintrittspreis für Erwachsene: 3,50 Euro
Winteröffnungszeiten und aktuelle Änderungen finden sich hier auf der Website des Museums.

Wer sich für das Thema Korbflechten interessiert und noch mehr sehen will: Seit einigen Jahren betont der Pfad der Flechtkultur als Erdlebnisrundwanderweg die Korbmachertradtion der Region. Für sportlich Aktive gibt es sogar einen Flechtkulturlauf mit verschiedenen Streckenlängen und -typen, im Juni.

Hier noch ein Blick auf das verregnete Michelau:

Michelau

Wir haben noch Kaffee und Kuchen gegessen, im Konditorei-Café-Richter am Zolltorplatz in Michelau.

Kommentare:

  1. Ich wusste nicht, dass es ein Korbmuseum gibt. Dabei mag ich dieses Material sehr gerne. Auf einem Markt habe ich mal einem Korbflechter bei der Arbeit zugesehen...spannend! Der Kinderwagen ist der Knaller!
    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Hallo Sabine,
      ich finde es auch bewundernswert, mit welcher Fingerfertigkeit Korbflechter arbeiten; gesehen habe ich schon ewig keinen mehr... Diese Kinderwägen gab's übrigens auch in klein für Puppen. :-)
      Liebe Grüße, Barbara

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  2. Das sieht echt interessant aus dieses Korbmuseum. Meine Eltern lagen als Kinder auch in diesen Kinderwägen und ich habe auch immer viele verschiedene Korbsachen bei uns zu Hause. Es ist wirklich ein tolles und angenehmes Material. Eine schöne Idee von Euch dort hin zu fahren.

    Viele Grüße
    Victoria

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    1. Hallo Victoria,
      diese Korbkinderwägen waren früher wohl sehr beliebt! Ich mag Körbe inzwischen auch gerne, kürzlich habe ich wieder ein paar für den Garten gekauft.
      Liebe Grüße
      Barbara

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  3. Liebe Barbara,

    solche Museen gucke ich mir auch immer sehr gerne an, wo altes Handwerk wieder lebendig wird. Ich finde es sehr interessant zu sehen, wie die Menschen früher gelebt haben und wie sich das Handwerk entwickelt hat.
    Das ist ein schönes Ziel, wenn ich demnächst meine Tochter in Erlangen besuche.

    Liebe Grüße
    Gina

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    1. Hallo Gina,
      freut mich, dass es Dir auch so geht. Solche Museen gibt's ja viele und es ist immer wieder toll zu sehen, welche Mühe sich auch die Ausrichter damit machen.
      Das ist ja auch nicht weit von Erlangen. :-)
      Liebe Grüße
      Barbara

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  4. Es zeigt sich wieder, wie Lesen bildet :-) Dass es in Deutschland ein Korbmuseum gibt, ist mir völlig neu. Gut... ich konnte mit Körbe noch nie wirklich viel anfangen, aber es sieht doch recht schön aus, was man so alles flechten kann. Wobei ich mir eher vorstellen könnte, einen Hut zu fleichten, als einen Korb - oder so einen Sessel. Ist bestimmt schöner und hat einen ganz anderen Wert, als wenn ich den Korb einfach im Möbelhaus kaufe.
    Auf jeden Fall sehr interessant.
    Viele Grüße
    Maria

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    1. Hallo Maria,
      ja, Lesen bildet! :-)
      Es gibt ja massenweise Museen in Deutschland und weltweit, irgendwie findet sich zu jedem Thema und auch Unterthema was. Ich schaue mir das immer mal an, vieles ist inzwischen in Museen wirklich gut gemacht und interessant. Ich werde mir jetzt aber nichts flechten... Ein Sessel wäre echt mal ein Projekt! :-)
      Liebe Grüße
      Barbara

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  5. Die alten Räume sehen ja gut aus. Ich mag sowas, dadurch wird der geschichtliche Aspekt gut verdeutlicht. Das Korbmuseum wäre jetzt kein Ausflugsziel, das ich extra ansteuern würde, aber wenn es mal auf dem Weg liegt- warum nicht.
    Grüße, Christian

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    1. Hallo Christian,
      extra hinfahren tun wahrscheinlich nur richtige Korb-Fans! Aber bei schlechtem Wetter und mal was anderem suchen war's klasse. Die Region Franken bzw. Oberfranken lohnt aber auch bei schönem Wetter und für einen längeren Urlaub!
      Liebe Grüße
      Barbara

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  6. Hallo Barbara,
    ich liebe Korbwaren und freue mich immer wenn ich auf italienischen Märkten noch Korbflechtern bei der Arbeit zusehen kann. Letzten Frühling hat einer die Sitzfläche eines Sessels vor unseren Augen repariert. Das war toll! Ich bin mir sicher, dass ich auch in diesem Museum vieles finden würde, was mir gefällt. Toller Tipp, den man nicht alle Tage liest - danke!
    Viele Grüße aus Salzburg
    Elena

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    1. Hallo Elena,
      das finde ich ja toll, dass es auf Märkten in Italien noch richtige Korbflechter gibt, denen man zuschauen kann! Meine Mutter konnte das mit dem Flechten der Sitzflächen auch, davor hat sie erzählt. Sie ist in einer Schreinerei aufgewachsen und da haben sie als Kind oder junge Erwachsene mit angepackt und gerade bei Stühlen oder Sesseln diese feinen Muster geflochten. Ich kann das nicht. Tolle Sache. Freut mich, dass ich Dein Interesse dafür geweckt habe.
      Liebe Grüße
      Barbara

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  7. Hallo Barbara,

    vielen Dank für den Beitrag! Ich liebe Museen und finde es immer wieder spannende Sachen zu entdecken. Ganz besonders sind es manchmal die kleinen Museen, die nicht übertriebene Eintrittspreise haben!

    Liebe Grüße,
    Alex.

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    1. Hallo Alex,
      kleine Museen sind wirklich eine Alternative, sie sind auch nicht so voll. Aber es gibt viel mehr als man je besuchen kann...
      Liebe Grüße,
      Barbara

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  8. Hallo Barbara,

    eine schöne Schlechtwetteralternative, wenn man mal in der Gegend ist. Das mit den Körben für Munition war mir nicht so geläufig...

    Gruss Mario

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    1. Hallo Mario,
      ja, das mit den Munitionskörben war mir auch nicht bekannt; damals gab's noch nicht für alles Kunststoff- oder Metallkanister.
      Liebe Grüße,
      Barbara

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  9. Liebe Barbara,
    schön, wenn so traditionelles Handwerk erlebbar gemacht wird. Und bei schlechtem Wetter ist das Korbmuseum bestimmt eine schöne Möglichkeit, sich die Zeit zu vertreiben und dabei noch was zu lernen.
    Liebe Grüße,
    Marion

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    1. Hallo Marion,
      ich mag ja lieber schönes Wetter und Natur, aber in diesem Museum habe ich echt etwas gelernt. Und meine Mutter fand es auch klasse. So gesehen ideal. :-)
      Liebe Grüße,
      Barbara

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Ich freue mich über Kommentare und einen freundlichen Austausch.

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