Dienstag, 8. August 2017

Spaziergang durch Quedlinburg

Ich fahre gerne die gut ausgebaute B6, die umgangssprachlich Nordharz-Autobahn genannt wird und eigentlich eine Bundesstraße ist. Sie führt von Norden kommend ab nahe Goslar nach Bernburg/Saale, dort trifft sie auf die A14 nach Halle. Man fährt schön am Harz entlang, hat zwischendurch einen guten Blick auf den Brocken und es gibt einige Städte, in denen man sich die vom langen Autofahren müden Beine vertreten kann.

Eines der Highlights entlang der Route und bereits seit 1994 UNESCO-Weltkulturerbe ist die historisch und architektonisch sehenswerte Stadt Quedlinburg. Mehr als 1000 Jahre alt, zählt Quedlinburg zu den wenigen Flächendenkmalen des Welterbes: Auf 93 ha Fläche findet man eine historische Innenstadt mit ca. 2000 Fachwerkhäusern aus acht Jahrhunderten, den Stadtteil Münzenberg, einen Park und den bekannten Schlossberg mit Stiftskirche und Schloss.

Quedlinburg - Rathaus mit Roland und Straßencafé

Das Rathaus, rechts im Bild ein wenig zu erkennen, stammt aus dem späten Mittelalter, wurde aber Anfang des 17. Jahrhunderts im Stil der Renaissance umgebaut. Der steinerne Roland wurde erst vor einigen Jahren renoviert und steht hier hinter Gittern gut zu erkennen. Rolandfiguren sind vor allem in nord- und ostdeutschen Städten häufiger zu finden; sie verkörpern städtische Privilegien und Rechte.

Quedlinburg lässt sich prima erlaufen! Ich habe am kostenpflichtigen Parkplatz Marschlinger Hof geparkt, dort gibt es auch Stellplätze für Wohnmobile. Dort ist auch eine kleine Touristeninformation, an der man sich Prospekte und Tipps besorgen kann. Die Stadt lebt vom Tourismus und hat inzwischen auch viele internationale Gäste, alles ist entsprechend gut ausgeschildert und erschlossen. Die großen Touristeninformationen sind nahe des Rathauses am Marktplatz. Hier gehen auch die Führungen los, die letzte um 14 Uhr.

Quedlinburg - Touristeninformation

Dafür war ich zu spät, ich bin auf eigene Faust los. Bei 28°C am späten Nachmittag habe ich es langsam angehen lassen und mir zwischendurch im Straßencafé Roland einen Eisbecher gegönnt. Dann bin ich weiter und habe die Stadt und das Leben auf mich wirken lassen.

Quedlinburg - Impressionen

Beeindruckend ist wirklich die Architektur, teils komplett renoviert, teils noch ursprünglich oder man ist gerade dabei zu sanieren. Es war nicht sehr voll, man sah vor allem in den Straßencafés und Restaurants Menschen sitzen, und ein paar, die sich die Stadt anschauten. Neben Deutsch habe ich Englisch und Niederländisch gehört.

Quedlinburg - Impressionen

In der denkmalgeschützte Hofanlage namens Adelshof darf man sich umschauen, um eine Spende von 1 Euro oder mehr wird gebeten. Beeindruckend der Taubenturm und natürlich auch typisch der grüne Trabant. Ich fand das alles liebevoll gemacht. Man sieht, dass viel Arbeit drin steckt, ein solches Denkmal zu erhalten.

Quedlinburg - Adelshof

Ich bin weiter über den belebten Park am Mühlgraben in Richtung Schlossberg.

Quedlinburg - Blick auf den Schlossberg

Bei dem schönen Wetter war eine Gruppe mit Taiqi beschäftigt, andere spielten Ball, Familien waren mit Kinderwagen unterwegs, man sah verliebte Pärchen, alle im Park, ganz normales Leben.

Quedlinburg - Park am Mühlgraben

Ich habe mich bergauf, den Schlossberg hoch gehalten. Die Straße heißt auch Schlossberg, außerdem ist alles gut beschildert, man kann es nicht verfehlen. Hier erkennt man im Hintergrund schon die großen Mauern des Schlossbergs.

Quedlinburg - Burgberg

Bedeutung erlangte Quedlinburg, als es im 10. Jahrhundert die Königspfalz wurde, in der die ottonischen Herrscher jedes Jahr ihr Osterfest feierten. Zur Erinnerung: Die deutschen Könige und Kaiser des Mittelalters regierten nicht von einer Hauptstadt aus, sondern reisten als Reisekönige bzw. Reisekaiser mit Familie und Hofstaat durch das Reich von einer Pfalz zur anderen. Das alte deutsche Reich wurde von wechselnden Orten aus regiert, hatte also keine Hauptstadt im heutigen Sinn. Heinrich I. hat Quedlinburg zu seiner Grablege bestimmt. Er ist übrigens in Memleben gestorben, dort war ich kürzlich und habe darüber hier berichtet. Er wurde auf dem Schlossberg in Quedlinburg bestattet. Seine Witwe Königin Mathilde gründete das Damenstift auf dem Schlossberg (sie hatte das Gebiet als Witwengut erhalten) und stand ihm 30 Jahre lang vor, bevor sie es an ihre Enkelin übergab. Mathildes Sohn Otto I. der Große, ab 962 römisch-deutscher Kaiser, besuchte Quedlinburg in unregelmäßigen Abständen, um Ostern zu feiern und um seinem Vater zu gedenken. So die offizielle Formulierung; ich denke doch, er hat dort auch seine Mutter besucht. Das Damenstift hatte übrigens 900 Jahre Bestand, war erst geistlich, nach der Reformation freiweltlich. Es war eng mit der Herrschaft der Ottonen verbunden, die Äbtissinnen stammten lange Jahre aus dem Hause der Ottonen.

Bemerkenswert war auch die Enkelin Mathilde (eine Tochter von Otto I.): Vom Tod ihrer Großmutter Mathilde 968 bis zur Rückkehr ihres Vaters aus Italien Ende 972 war sie für fast 4 Jahre die einzige Repräsentantin des Kaiserhauses nördlich der Alpen. Sie war bekannt für ihre umfassende Bildung, Klugheit, politisches Geschick und sie war hoch angesehen. Ab 997 war sie offiziell als Reichsverweserin mit der Fürsorge des Reichs betraut. Ich finde es faszinierend, wie wichtig die Frauen in der Zeit der Ottonenherrschaft waren, welche Verantwortung sie hatten, welche Macht sie ausüben durften und wie sie ihre Städte und Länder voran brachten. Das 10. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Frauen des Hochadels. Herausragend dabei neben den beiden Mathildes auch Königin Edgitha und die Kaiserinnen Adelheid und Theophanu. Es dauerte glaube ich gut 1000 Jahre, bis Frauen in der Politik wieder eine ähnliche Bedeutung bekamen.

Quedlinburg - Impressionen

Aber ich schweife ab... Oben ein Blick auf die Gartenanlage auf dem Schlossberg. Schön fand ich neben den Rosen auch ich einen Kräutergarten, der gut beschildert ist. Der Schloßkrug am Dom auf dem unteren Foto hat eine super Lage, ist aber montags und dienstags geschlossen.

Quedlinburg - Schlossberg

Die ehemalige Stiftskirche St. Servatius in Quedlinburg ist ein beeindruckendes Denkmal hochromanischer Baukunst. Diese Kirche des Quedlinburger Damenstifte hat eine dreischiffige Basilika; sie beherbergt mit der Krypta auch Grabstätte von König Heinrich I. und seiner Gemahlin Mathilde. Sie wird heute als evangelische Kirche genutzt und ist im Sommer auch Veranstaltungsort des Quedlinburger Musiksommers.

Quedlinburg - Stiftskirche auf dem Schlossberg

Vom Schlossberg hat man einen schönen Ausblick. Quedlinburg ist auch bekannt für seine Samen- und Pflanzenzucht.

Quedlinburg - Blick vom Schlossberg

Ich war schon ein paar mal in Quedlinburg. Bisher habe ich es leider nie zu den Öffnungszeiten ins Schloss geschafft, dabei sind dort interessante Museen zu sehen.

Quedlinburg - Schloss

Geöffnet ist im Sommerhalbjahr außer Montag von 10-18 Uhr, letzter Einlass 30 Minuten vor Schließung. November bis März ist bis 16 Uhr geöffnet. Mich interessiert dabei vor allem das Mittelalter und die Ausstellung über die Ottonen. Die Stiftskirche und der Domschatz haben die gleichen Öffnungszeiten; die Eingänge sind gegenüber. Es gibt ein Kombiticket für 8,50 Euro, das Dom, Domschatz, Krypta und Schlossmuseum beinhaltet. Der Schlossberg an sich ist von 6 bis 22 Uhr (im Winter bis 20 Uhr) geöffnet, in dieser Zeit kann man den Außenbereich besichtigen.

Quedlinburg - Impressionen

Hier noch ein paar Impressionen.

Quedlinburg - Impressionen

Ich bin dann wieder zurück in die Stadt, habe mich an Fachwerkhäusern und einer Menge Gastronomie (Waffeln, Kekse, Pfannkuchen, Kuchen und Torten, Brauereigaststätte - für jeden Geschmack ist etwas dabei) erfreut. Wer mehr Zeit hat als ich dieses mal, der findet hier sicherlich etwas schönes zum Einkehren und den Abend gemütlich ausklingen zu lassen.

Quedlinburg - Impressionen

Tipps für Quedlinburg:

  • Es gibt viele Parkmöglichkeiten entlang des Stadtrings, alles gut beschildert. Von dort geht man zu Fuß einige Minuten und ist in der Innenstadt und bei den Sehenswürdigkeiten. Die Entfernungen sind nicht groß, man kann die Stadt gut erlaufen, sollte aber bequeme Schuhe tragen. Es gibt viel Kopfsteinpflaster. 
  • Erreichbar ist Quedlinburg wie oben beschrieben per Auto über die B6. Außerdem gibt es Fernbusse ab Berlin und Zugverbindungen ab verschiedenen deutschen Städten, oft muss man in Magdeburg umsteigen. Die nächsten Flughäfen sind Leipzig/Halle und Hannover. 
  • Wer zum ersten Mal in Quedlinburg ist, kann an einem geführten Stadtrundgang teilnehmen So erfährt man alles wichtige zu Geschichte, Baukunst und auch über das Leben in der Welterbestadt. Die Führung geht von der Altstadt bis zum Schlossberg. Es gibt täglich eine Führung um 14 Uhr, im Sommerhalbjahr auch um 11 Uhr. Die Führungen beginnen am Markt. Details und aktuelle Termine auf den Seiten der Stadt.
  • Mehr mehr Zeit hat: Die Harzregion bietet Natur, Kultur und viel zu erleben. Da lohnt sich auch mal ein Urlaub für eine ganze Woche.
  • Sehr schön soll Quedlinburg im Advent sein. Die ersten drei Adventswochenden präsentieren sich verschiedene Innenhöfe prächtig geschmückt mit Lichtern und Glühwein.

Kommentare:

  1. Liebe Barbara, da hast du einen sehr schönen Bericht über das wirklich sehens- und besuchenswerte Quedlinburg geschrieben, ich war letztes Jahr auch für einige Stunden dort.
    Liebe Grüße Ulrike.

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Ulrike,
    danke für den Kommentar und stimmt, ich hatte doch letztes Jahr bei Dir auch gesehen, dass Ihr dort wart! Eine wunderschöne Stadt!
    Liebe Grüße
    Barbara

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Barbara,

    herzlichen Dank für diesen tollen Beitrag über Quedlinburg. Wir lieben ja solche alten Städte. Von Quedlinburg habe ich schon öfter gehört, dass es sehr schön sein soll. Dorthin geschafft haben wir es bisher allerdings noch nicht. Aber wer weiß? Was nicht ist, kann ja noch werden.

    Liebe Grüße,
    Monika

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Monika,
      jetzt, wo Ihr so viel Spaß an ostdeutschen Reisezielen habt, ist es bestimmt nur noch eine Frage der Zeit, bis Ihr es mal nach Quedlinburg und in den Harz schafft.
      Liebe Grüße
      Barbara

      Löschen
  4. Liebe Barbara,
    ich habe tatsächlich noch nie von Quedlinburg gehört und generell ist mir die ganze Region unbekannt. Aber ich liebe Fachwerkhäuser und hier scheint es jede Menge davon zu geben! Genau wie du habe ich eine Schwäche für ein wenig geschichtlicher Hintergrundinformation und der Absatz über die Frauen des Hochadels gefällt mir besonders. Hoffen wir mal, dass das nicht nur alle 1000 Jahre für eine kurze Zeit so ist, sondern endlich für länger...
    Viele Grüße
    Elena

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Elena,
      der Harz ist echt schön! Früher hatte ich den nicht so auf dem Schirm, aber inzwischen war ich ein paar mal dort. Was ich noch nicht geschafft habe, ist eine längere Wanderung dort.
      Freut mich, dass Dir der historische Hintergrund auch gefällt - es kostet immer einiges an Zeit, das zu recherchieren und aufzubereiten (vieles habe ich zwar im Kopf, aber bevor ich es niederschreibe, möchte ich sicher gehen, dass es stimmt). Wir arbeiten dran, dass es diesmal für länger ist... :-)
      Liebe Grüße
      Barbara

      Löschen
  5. Sieht wirklich sehr sehenswert aus....kommt auf meine Liste! :-)

    LG, Anneli

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Listen sind gut, sonst vergisst man das doch immer wieder... :-)

      Löschen
  6. Wir fahren meist nach Bad Harzburg, wenn wir mal wieder Lust auf ein Wochenende im Harz haben. Einfach deswegen, weil sich Bad Harzburg für uns mit dem Zug so unschlagbar gut erreichen lässt. Aber Quedlinburg habe ich schon lange auf meiner Liste. Jetzt habe ich richtig Lust dort mal ein paar Tage zu verbringen. Gerade im Herbst mag ich den Harz besonders gerne: Mit etwas Glück hat man das schönste Wanderwetter und die allermeisten Sehenswürdigkeiten auch ganz für sich allein.

    Spannend finde ich auch, was du über die Frauen in der Politik im 10. Jhd. geschrieben hast. Da muss ich mich gleich mal durch ein paar Wikipedia-Artikel lesen. :)

    Liebe Grüße,
    Sarah

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Sarah Maria,
      Bad Harzburg kenne ich gar nicht richtig, nur vom Durchfahren. Die Infrastruktur spielt natürlich eine Rolle, da bin ich mit dem Auto im Vorteil... Bisher hat es sich noch nicht ergeben, dass wir dort wandern waren. E-Mountainbiken könnte ich mir inzwischen auch gut vorstellen.
      Und: Ja, die Ottoninnen sind total spannend! Viel Spaß beim Weiterlesen! :-)
      Liebe Grüße
      Barbara

      Löschen
  7. Ich liebe ja diese kleinen Orte mit Fachwerkhäusern (erinnert mich an die Gegend, in der ich aufgewachsen bin), sieht sehr hübsch aus und die Geschichte und die Architektur sind wahrlich beeindruckend. Danke für den tollen Tipp, ich sollte mehr in Deutschland herumreisen :-). LG Alex

    AntwortenLöschen
  8. Hallo Barbara,

    ein schönes Städtchen hast du dir da ausgesucht. Wundervolle Architektur und wahrscheinlich auch absolut unterschätzt. Danke für den Einblick.

    Liebe Grüße
    Jessica

    AntwortenLöschen
  9. Hallo Barbara,
    ein sehr schöner und lehrreicher Bericht. Zunächst musste ich bei Google nachschauen, wo Quedlinburg überhaupt liegt. Ich liebe es, durch alte Orte zu laufen. Hier finde das Rathaus sehr schön. Ich merke immer wieder aufs neueste, dass ich mich in Deutschland kaum auskenne. Das sollte ich dringend ändern.
    Viele Grüße aus dem Rheingau.

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über Kommentare und einen freundlichen Austausch.

LinkWithin

Blog Widget by LinkWithin